Mailand oder die Suche nach dem verlorenen Hockey-Tempel
Eishockey ist seit Anbeginn der Zeiten (seit 1924) das Herzstück der Winterspiele. Weil jeden Tag gespielt wird, können auch für jeden Tag Tickets verkauft werden.
Für Chronistinnen und Chronisten, aber auch für die Fans, ist der Besuch eines olympischen Eishockeyspiels stets etwas Spezielles – sozusagen das Hochamt der Winterspiele. Seit mehr als hundert Jahren Kyrie, Gloria und Sanctus des Hockeys.
Um den Spielen einen würdigen Rahmen zu geben, werden an den Austragungsorten fürs Eishockey extra Stadien, also Tempel erbaut. Das ist auch in Mailand nicht anders. Die Milano Santa Giulia Ice Hockey Arena wird nach den Spielen allerdings kein permanentes Hockey-Stadion sein, sondern eine multifunktionelle Sport- und Veranstaltungshalle.
Diese immense Bedeutung des olympischen Eishockeys trägt den Keim des Hochmuts in sich: Die Gefahr, sich und Hockey zu wichtig zu nehmen und hoffärtig zu werden.
Mailand 2026 lehrt uns wieder Demut. Es braucht ja, weil so viele Spiele (58) ausgetragen werden und auch täglich trainiert wird, neben dem Hauptstadion stets eine zweite Arena. Die befindet sich auf dem Gelände der Fiera Milano in Rho, vor den Toren der Stadt.
Die Fiera Milano ist eines der grössten Messegelände der Welt auf einer Fläche von rund zwei Millionen Quadratmetern, davon sind mehrere Hunderttausend überdacht. Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum Mailands entfernt, direkt über die Autobahn erreichbar, verbindet sich moderne Architektur mit hochfunktionaler Infrastruktur. Die von Massimiliano Fuksas entworfene Anlage beeindruckt durch ihre Grösse, klare Linien und spektakuläre, kilometerlange Glas-Stahl-Überdachung. Viel Licht und null Gemütlichkeit. Die Hallen sind riesig, stützenfrei, funktional bis ins Detail und nahtlos ins Gesamtsystem integriert.
Städtebaulich liegt das Gelände dort, wo Gefühle und Geschichte enden und Infrastruktur beginnt – angebunden an Autobahn, Bahn und Metro, aber bewusst ausserhalb der klassischen Stadt. Die Fiera ist Mailand, ohne Mailand zu sein. Ein wirtschaftliches Paralleluniversum, das nur dann existiert, wenn Termine im Kalender stehen. Wie nun eben olympische Wettbewerbe auf Eis.
In bestehende Hallen ist das Hockeystadion eingebaut und auf dem Messegelände ist die Eisschnelllauf-Arena (Milano Speed Skating Stadium) errichtet worden. Sie wird nach den Spielen wieder abgerissen.
Die temporäre «Milano Rho Ice Hockey Arena» fasst 7000 Fans und ist nur für diese Spiele in zwei Hallen (Padiglioni 22 und 24) provisorisch aufgebaut worden.
Vom nächsten Punkt, erreichbar mit dem öffentlichen Verkehrsmittel oder der Benzinkutsche, bis zur Hockeyarena dauert die Wanderung durch schier endlose, lichtdurchflutete Lauben gut 2000 Schritte oder 20 Minuten – sofern der Chronist keine falsche Abzweigung erwischt. Sonst ist der Weg noch weiter. Wenn nicht gerade Fans zu einem Spiel laufen oder nach einem Spiel heimwärts streben, ist es beinahe gespenstisch menschenleer.
Auf die Frage beim Tor am Eingang, wo es hier zur Hockey-Arena gehe, gerät die freundliche Helferin in Verlegenheit. Ob der Fremde wohl Eisschnelllauf meine? Nein, nein, Eishockey. Hm, Eishockey? Also erkundigt sie sich bei einem Kollegen und kann dann Bescheid geben: «Ja, ja, doch hier lang, immer geradeaus. Sorry.» Mailand oder die Suche nach dem verlorenen Hockey-Tempel.
Die Szene ist fast so, wie wenn der Chronist am Eingang einer Baumaschinenmesse gefragt hätte, wo die Bohrmaschinen mit Akkuantrieb zu finden sind. Unvorstellbar, dass eine Helferin oder ein Helfer beispielsweise in Vancouver auf dem Gelände des Hockeystadions nicht gewusst hätte, dass hier auch Hockey gespielt wird. Und im Emmental kann jeder schon in Burgdorf, am Eingang des Tales der Emme den Besucherinnen und Besuchern den genauen Standort des gut 20 Kilometer entfernten Langnauer Hockeytempels erklären.
Wahrlich, hier lernt der Chronist olympische und auch ein wenig sonstige Demut. Ganz im Sinne des alten Barons Pierre de Coubertin, dem Begründer der modernen Olympischen Spiele. Hockey ist doch gar nicht so wichtig, halt doch nur ein unberechenbares Spiel auf rutschiger Unterlage, olympisch hin oder her. Und diese Einsicht schadet nicht.
P. S. Unsere Frauen sind für zwei Vorrunden-Partien (gegen Kanada und gegen Finnland) in die Arena auf dem Messegelände verbannt worden. Je nach Konstellation ist es möglich, dass sie hier auch den Viertelfinal bestreiten werden. Die Männer tragen hier keines der drei Vorrundenspiele aus. Möglich ist aber je nach Konstellation, dass sie für den Achtelfinal hierher zügeln müssen. Ab den Halbfinals bei den Frauen und ab den Viertelfinals bei den Männern werden alle Partien in der Hauptarena (Milano Santa Giula Ice Hockey Arena) ausgetragen.
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